Schritte zu einer Infrastruktur von Ökologie

 

Der Vortrag führt in die praxeologische Infrastrukturforschung ein und fragt anhand der Entwicklung generativer künstlicher Intelligenz nach ihrer ökologischen Perspektivierung. Wie verhält sich das lokale, situierte Prompting mit großen Sprachmodellen zur konstituierenden Umgebung der hierfür genutzten Medientechnologien? Welche Infrastrukturen tragen (und zerstören) welche Ökologie? Wer etabliert aus welchem politisch-ökonomischen Interesse heraus – mit welchen Medien – KI als lernendes, datenintensives System und naturalisierte Bedingung unseres Handelns?

Im Mittelpunkt meiner Überlegungen steht dabei der Chatbot Claude, samt der Varianten seiner Sprachmodelle. Mit dessen Firma Anthropic ist seit 2021 ein Medienakteur neuen Stils auf die Szene getreten, der aktuell Maßstäbe in Sachen Entwicklungsdynamik, Versicherheitlichung und Ethik von KI setzt. Die laboratorischen Praktiken und Techniken, mit denen Sprachmodellen menschliche Werte eingeschrieben werden sollen (alignment), bedeuten darin einen neuralgischen Punkt: Warum braucht ein Chatbot wie Claude eine „Verfassung“, die als erzieherisches Medium fungiert?

– Ringvorlesung „Infrastrukturen“ –
Johannes Gutenberg Universität Mainz
27. Oktober 2026, 16 Uhr
Hörsaal N6 | NatFak
Johann-Joachim-Becher-Weg 21

Internetgeographie

Erica Fischer, Geography of Twitter @replies, 2011. Data from Twitter streaming API, May 15 through October 10, 2011. World map outline from Natural Earth. flickr.com, CC BY 2.0.

Die von mir im Kapitel „Internetgeographie“ des Handbuchs Mediengeographie vorgenommene Rekonstruktion internetkartographischer Praktiken folgt einem historischen Verlauf, der erstens bei den Kartierungen des ARPANETs beginnt und zweitens die vertikale Schichtung der Internetarchitektur diskutiert. In einem dritten Schritt widmet sich der Text den Cybergeographien der 1980er und 1990er Jahre. Die Kartierung und Indexierung des World Wide Webs durch Suchmaschinen wird in einem vierten Schritt fokussiert.

Ein fünfter Abschnitt widmet sich dem Web 2.0 und den daraus hervorgehenden Social-Media-Kartierungen, die primär Datenströme zwischen großen Plattformen rekonstruieren. Mit dem sechsten Schritt wird nach der transformativen Kraft maschinellen Lernens und großer Sprachmodelle gefragt, die meist als ‚Künstliche Intelligenz‘ verstanden werden.

Abschließend geht es siebtens um den aktuellen Stand der Internetkartographie und kritische Mappings von Daten und Netzwerken. Systematische Aspekte – etwa den Zusammenhang von Daten, Statistik und Netzinfrastruktur, die Relation zwischen Netzwerkprotokollen, geschichteter Netzarchitektur und Datenströmen, aber auch die Wechselspiele zwischen Topografie und Topologie – werden zudem anhand von Fallbeispielen erläutert.

Erschienen als Beitrag zum Handbuch Mediengeographie, Baden-Baden: Nomos 2026, S. 217–241.

Theorizing Biometrics, Identification and Digital Payment

Logo 4S Toronto 2026: Technopower

In 2001, Phil Agre famously argued that “Your Face Is Not a Barcode.” Yet, biometric identification and digital payment have seemingly become co-constitutive since then. After their integration into payment infrastructures, fingerprinting, face recognition, and iris scans have been adopted unevenly. Nevertheless, they already play a significant role in the everyday usage of digital monies around the world. Consequently, mobile media devices have become key mediators of what is termed a “repersonalization of money.” Smartphones and smartwatches now serve both as ‘contactless’ payment gadgets and mobile media, integrating former infrastructures such as payment cards (Giessmann 2026) and the mobile phones’ humble SIM cards into appified wallets.

In my 4S contribution, I aim to theorize the contemporary relationship between biometrics and 21st century digital payment technologies in a historically grounded way. In networked accounting, every non-cash payment transaction depends on a threefold relation of identification between accounts, bodies and personhood. But what has driven, and continues to drive this identificatory imperative to fuse an account, a body, and a person? How does this methodological individualism of ‘capturing the economic subject’ relate to a political economy of identification? “[W]e mobilize empirical materials so as to make a set of theoretical points,” wrote Marianne de Laet and Annemarie Mol (2000: 255). In my talk, I will follow their methodological advice, and draw on Western- und non-Western examples symmetrically.

  • Agre, Philip E. (2001). “Your Face Is Not A Bar Code: Arguments Against Automatic Face Recognition In Public Places”, Whole Earth 106, (Winter 2001), 74-77.
  • de Laet, Marianne, and Annemarie Mol (2000). “The Zimbabwe Bush Pump: Mechanics of a Fluid Technology.” Social Studies of Science 30, no. 2, 225-63.
  • Giessmann, Sebastian (2026). Das Kreditkarten-Buch: Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens. Berlin: Kadmos.

This is a part of the open panel Continuity and Change in Digital Identification Technologies 2, October 8, 3:40 PM – 5:30 PM,  Chestnut East Mezzanine.

Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2026/27

 

Im Wintersemester 2026/27 biete ich folgende Lehrveranstaltungen in der Siegener Medienwissenschaft an:

  • Netzwerkkulturen von Telegraphie zu KI
    (Vorlesung Medien- und Kulturtechnik)
    Unisono | Moodle
  • Peter Weirs Kino der Zivilisationskritik. Eine Retrospektive
    (Seminar Kulturwissenschaftliche Analyse/Kulturgeschichte)
    Unisono | Moodle
  • Foucault 100
    Unisono | Moodle
  • Situating Artificial Intelligence (Forschungsprojekt, Master)
    Unisono | Moodle

In der Kölner Medienkulturwissenschaft biete ich im Rahmen meiner Privatdozentur für Medienkulturwissenschaft ein MA-Seminar an:

  • Medien der künstlichen Intelligenz:
    Praktiken, Situierungen, Infrastrukturen

    Klips | Ilias

„Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2026/27“ weiterlesen

Anthropic Studies: Medienkulturen unter den Bedingungen künstlicher Intelligenz

Einführungsvorlesung an der Philosophischen Fakultät der Universität zu Köln

Die Einführungsvorlesung schlägt mittels Anthropic Studies eine situierte Auseinandersetzung mit der aktuellen, neo-konnektistischen künstlichen Intelligenz vor. Sie wählt hierfür eine symmetrische Perspektive, die sowohl medien- und kulturwissenschaftlich wie im Sinne der Science and Technology Studies vorgeht. Als theoretischer Fixpunkt kommen hierbei die Arbeiten von Susan Leigh Star und Phil Agre ins Spiel. Ist „KI“ nicht das vieldeutigste Grenzobjekt, das die Informatik je hervorgebracht hat? Wenn wir in der aktuellen Superkontroverse um KI und ihre planetarischen Folgen bestehen wollen, müssen wir die Technologie zunächst in ihren institutionellen Ökologien und Grammatiken des Handels lokalisieren. Es tritt auf die Szene: Claude, der Chatbot von Anthropic. Das Prompt des Vortrags lautet: „Erzähl uns ein wenig über Deine Verfassung, Claude.“

10. Juni 2026, 16 Uhr s.t.
Universität zu Köln
Philosophische Fakultät
Seminargebäude (106), 1. Etage, Raum S11
Universitätsstr. 37, 50931 Köln

KVB-Haltestelle: Universität
Open Street Map: https://www.openstreetmap.org/way/128504202#map=19/50.926836/6.927502
Google Maps: https://maps.app.goo.gl/qdTXs5S8APUekLGLA Logo der KI Claude

Infrastructures and/as Environments: Practices and Ecologies of Circulation

Circulation is what is turning infrastructures into lived ecologies.

I am still wondering how to grapple with the relation of infrastructures and environments in media theory. Praxeology and media ecology do not convergence easily––even if media practices are infrastructural and environmentally situated at the same time. Here’s a first take on the subject, a Berlin keynote lecture that has now become an elegantly edited microform podcast. My gratitude goes to the members of the DFG research training group “Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen” at Humboldt-Universität zu Berlin, and especially Johann Gartlinger and Marie van Bömmel for the smooth editing and moderation.

“Infrastructures and/as Environments: Practices and Ecologies of Circulation”. Lecture by Sebastian Gießmann, in: microform. Der Podcast des Graduiertenkollegs Literatur- und Wissensgeschichte kleiner Formen, available at: www.kleine-formen.de/infrastructures-and-as-environments, Berlin 2026 [March 26, 2026].

Das Kreditkarten-Buch: Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens

Patentzeichnung zur Freischaltung des Smartphones per biometrischer Identi kation des Gesichts. Apple, 2019.

Bar oder mit Karte? Oder doch mit App oder Blockchain? Sebastian Gießmanns rasante Geschichte der Kreditkarte führt uns in die verborgenen Welten des digitalen Bezahlens. Sie zeigt erstmals, wie unsere digitale Gegenwart in Nordamerika mit einer kleinen Plastikkarte begonnen hat, was Magnetstreifen und Chips eigentlich bedeuten und wie Europa einmal führend im digitalen Bezahlen werden konnte. Gießmann führt die Leser:innen elegant in die verschwiegene Innenwelt von Banken, Kreditkartenorganisationen und computerisierter High-Tech-Sicherheit. Er würdigt die Alltäglichkeit der Transaktion ebenso wie die irrwitzigen true crimes des Kreditkartenbetrugs.

Das Kreditkarten-Buch fragt nach der Wahrheit hinter den Werbeslogans, Firmenlogos und Fernsehspots. Wie wir bezahlen, ist politisch. Soziale Teilhabe und Differenz, Konsum, finanzielle Überwachung, die Zukunft des Bargeldes: Im digitalen Bezahlen steht nicht weniger auf dem Spiel als unsere ökonomische Identität.

Erscheint im März 2026 beim famosen Berliner Kulturverlag Kadmos. Eine Leseprobe ist auf der Verlagshomepage einsehbar. Please support your favorite independent publishers and bookstores! Threads zum Buch gibt es auf Mastodon und Bluesky.

Inhaltsverzeichnis

1 Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens (1832−2014)
1.1 The Nothing Card – The Nothing App
1.2 Praktiken und Körper, Objekte und Infrastrukturen
1.3 Welche Geschichte des Bezahlens?

2 »Credit Card Nation«: Die Industrialisierung der Schulden in den USA
2.1 Anschreiben und Aufschieben
2.2 Kreditkarten ohne Plastik – und mit
2.3 Zur Etablierung von Visa und Mastercard

3 Standard und Automat, Zeitung und Fernsehen
3.1 Ein amerikanischer Standard: ANSI X4.13 und der Magnetstreifen
3.2 Am Geldautomaten
3.3 Wie man mit Kreditkarten betrügt
3.4 Werbespot und Fernsehserie

4 Europas Ringen um die Zahlungssysteme
4.1 Papier oder Plastik?
4.2 Der Fall der Eurocard
4.3 Chip um Chip: Smart Cards und EMV als globaler Standard
4.4 Mittelschichtenträume: Globalisierungen der Kreditkarte

5 Digitales Bezahlen im 21. Jahrhundert
5.1 Amazon, PayPal und das World Wide Web
5.2 Das iPhone, Apple Pay und »Network Tokenization«
5.3 Karten-Botschaften und die Zukunft des Bargelds

Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2026

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Im Sommersemester 2026 biete ich folgende Lehrveranstaltungen in der Siegener Medienwissenschaft an:

  • Kulturtechnik Lesen (Seminar Medien- und Kulturtechnik, 1. Gruppe)
    Unisono | Moodle
  • Phil Agre Revisited: Praxis, Überwachung und KI
    Unisono | Moodle
  • Situating Artificial Intelligence (Forschungsprojekt, Master)
    Unisono | Moodle

Worum geht es in den Lehrveranstaltungen? „Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2026“ weiterlesen

Frankfurter Buchmesse 2025

Am 17. Oktober lese ich um 13 Uhr auf der Frankfurter Buchmesse aus meinem kommenden Kreditkarten-Buch. Moderiert von Wolfram Burckhardt, dem Leiter des famosen Kulturverlags Kadmos. Mit großem Dank an die Kurt-Wolff-Stiftung für ihre LESEINSEL der unabhängigen Verlage. Support your independent book publishers and sellers! Wer nicht vor Ort sein konnte, kann gerne die Aufzeichnung auf YouTube anschauen.

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