Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2019

Museum für Gegenwartskunst, Siegen

Im Sommersemester 2019 biete ich folgende Lehrveranstaltungen in der Siegener Medienwissenschaft an:

Akteur-Netzwerk-Theorie und Akteur-Medien-Theorie
Unisono | Moodle

Werkstatt Praxistheorie
Unisono | Homepage/Plakat

Worum geht es in den Seminaren? Hier die Beschreibungen:

Akteur-Netzwerk-Theorie und Akteur-Medien-Theorie
Die Akteur-Netzwerk-Theorie hat sich in den letzten zehn Jahren in der Medienwissenschaft fest etabliert – zu einem Zeitpunkt, als die meisten ihrer Protagonistinnen und Protagonisten die ANT weitgehend hinter sich gelassen hatten. Die klassischen Texte der Akteur-Netzwerk-Theorie, die wir uns in diesem Seminar gemeinsam erschließen werden, stammen jedoch v.a. aus den 1980er und 1990er Jahren. War ihre verspätete und zunächst auf Bruno Latour fixierte Rezeption in der Medienwissenschaft ein – glücklicher – wissenschaftshistorischer Zufall oder folgt sie einer eigenen Logik? Was lernen wir aus der verspäteten und verschobenen Aneignung, und wie muss Akteur-Netzwerk-Theorie unter digitalen Bedingungen neu gedacht werden? Welche Potenziale bietet sie für medienhistorisches, medienanalytisches und medientheoretisches Arbeiten?

Werkstatt Praxistheorie
Die Werkstatt Praxistheorie widmet sich im Sommersemester 2019 Daten- und Medienpraktiken des Registrierens/Identifizierens, und Aktualisierens. Im Vordergrund steht die Diskussion mit den Gästen der Abendvorträge (Penny Harvey, Arjun Appadurai, Asko Lehmuskallio, Tanja Bogusz). Der voraussichtliche Termin für einen gemeinsamen, ganztägigen Workshop der Werkstatt ist der 9. Mai 2019, 10-18 Uhr.

Die Aktenförmigkeit von Koordination und Delegation wirft Fragen nach den Modi der Registrierung, Identifizierung und Nachverfolgbarkeit von Handlungen auf. Medienpraktiken der Registrierung und Identifizierung beginnen ebenfalls in wechselseitiger Interaktion, z. B. in sprachlichen und gestischen Praktiken des indexikalischen Verweisens und Verdeutlichens. Durch den Gebrauch registrierender und identifizierender Medien wird die Interaktionssituation transformiert, skaliert und modifiziert. Dies betrifft nicht nur die klassischen Verdatungstechniken staatlicher Registrierung und Identifizierung, darunter polizeiliche Erkennungsdienste, optische und akustische Überwachung, Staatstabellen, Statistik, Big Data. Vielmehr beinhalten Registrieren und Identifizieren ebenso alltägliche logistische Medienpraktiken: Adressierung, Einschätzen, Auffinden, Tracking und die Lieferung einer Nachricht, eines Objekts oder einer Person. Registrierungs- und Identifizierungstechniken ermöglichen die Referenz auf singularisierte Personen und Objekte, aber auch auf lokalisierte und datierte Verschickungsvorgänge.

So lassen sich Formen des registrierend-identifizierenden Mediengebrauchs in den Blick nehmen, mit denen Praktiken, Personen, Zeichen/Daten, Güter und Dienstleistungen „zurechnungsfähig“ gemacht werden, z.B. in der Nachverfolgbarkeit von literarischer Autorschaft, Produktion und Piraterie, der Kreditwürdigkeit einer Person, erwünschter/unerwünschter Beobachtung und Kontrolle, Bewegungsverfolgung, der statistischen Erhebung von Gleichheit, der Verwaltung und Adressierung in einem digitalen Telefonnetz und Nutzungspraktiken digitaler Plattformen. Leitende Fragen sind dabei: Wie verhalten sich die großen politisch-ökonomischen Registratur- und Bürokratisierungswellen seit dem 19. Jh. zur Entstehung massenmedialer Öffentlichkeiten, die von einem generalisierten, anonym adressierbaren Publikum ausgehen, dieses aber postwendend erforschen und durchleuchten wollen? Auf welche Art und Weise entstehen aus kooperativen Praktiken generalisierte Techniken und „Rechen(schafts)zentren“ (R. Rottenburg) zur Registrierung und Identifizierung? Wie integrieren sie Instrumente, und wie vollziehen Akteure die Mobilisierung mittels welcher Inskriptionen bzw. Daten? Mit welchen Wechselwirkungen zwischen ästhetischer bzw. populärkultureller und bürokratischer Registrierung und Identifizierung ist zu rechnen, d.h. wie organisieren Öffentlichkeiten die Zurechnung und Nachverfolgbarkeit von Personen, Zeichen, Dingen, Dienstleistungen?

Elemente einer Praxistheorie der Medien

Koordinieren Delegieren Registrieren/IdentifizierenDas Interesse dieses Texts gilt einem praxistheoretischen Vokabular, das sowohl für die Geschichte digitaler Medien geeignet ist als auch für die Erforschung rezenter digitaler Medienkulturen, ihrer Öffentlichkeiten und Infrastrukturen. Die folgenden Ausführungen adressieren daher einerseits durch Praktiken hervorgebrachte Eigenschaften und andererseits analytisch bestimmbare sozio- und kulturtechnische Charakteristika von Medien, die sich aus den Gebrauchsformen heraus verallgemeinern lassen.

PDF-Datei des Artikels (Lizenz: CC BY-NC-ND).

Erschienen in der Zeitschrift für Medienwissenschaft 19 (2018), S. 95-109.

Lehrveranstaltungen im Sommersemester 2018

Medien-Gutscheine in einer Drogerie, 2018Es wird ein aufregendes Sommersemester: Im Bachelor werden aus den Siegener „Einführungen in die Medienwissenschaft“ nun thematische Seminare. Der Einführungskurs ist ein Kunststück für sich, denn er muss die handwerklichen Dinge mit der inhaltlichen Diskussion verbinden. Ziel ist das Schreiben der ersten eigenen wissenschaftlichen Hausarbeit, mit allem was dazugehört: Eine Fragestellung finden, Material generieren und sortieren, Schreiben.

Im Master unterrichte ich „Theorien des Geldes“ – ein Kurs, auf den ich mich wirklich sehr freue. Denn man kann sagen, dass dieser klassische Gegenstand der Medien- und Kulturtheorie in den letzten Jahren wenig Aufmerksamkeit im Fach erfahren hat. Ausnahmen wie Jens Schröters und Anna Echterhölters Arbeiten bestätigen hier eher die Regel. Auch aus diesem Grund versucht das Seminar ein Update in Richtung „digitales Geld“ – ohne vorauszusetzen, dass es dieses überhaupt gibt. Wie verstehen wir Geld im Zeitalter der Kryptowährungen?

Ebenfalls wieder für alle Master-Studierende geöffnet ist die „Werkstatt Praxistheorie“, in der aktuelle medien- und sozialtheoretische Fragestellungen mit prominenten Vortragsgästen diskutiert werden. Zu Gast sind im Sommersemester die Soziologin Silvia Gherardi, die Wissenschaftsforscherin Natasha Myers, die Kunsthistorikerin Ann-Sophie Lehmann und der Literaturwissenschaftler Carlos Spoerhase.

PS. Dieser Blogpost wird laufend aktualisiert.

Grenzobjekte und Medienforschung

Susan Leigh Star: Grenzobjekt und Medienforschung CoverSusan Leigh Stars (1954–2010) Werk bewegt sich zwischen Infrastrukturforschung, Sozialtheorie, Wissenschaftsgeschichte, Ökologie und Feminismus. Die wegweisenden historischen und ethnografischen Texte der US-amerikanischen Technik- und Wissenschaftssoziologin liegen mit diesem Band erstmals gesammelt auf Deutsch vor. Ihre Arbeiten zu Grenzobjekten, Marginalität, Arbeit, Infrastrukturen und Praxisgemeinschaften werden interdisziplinär kommentiert und auf ihre medienwissenschaftliche Produktivität hin befragt.

Mit Kommentaren von Geoffrey C. Bowker, Cora Bender, Ulrike Bergermann, Monika Dommann, Christine Hanke, Bernhard Nett, Jörg Potthast, Gabriele Schabacher, Cornelius Schubert, Erhard Schüttpelz und Jörg Strübing.

„Grenzobjekte und Medienforschung“ ist im Open Access verfügbar.

„Grenzobjekte und Medienforschung“ weiterlesen

Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2017/18

Erstsemestereinführung Medienwissenschaft 2017Im Wintersemester unterrichte ich nach einiger Zeit in der Forschung wieder am Medienwissenschaftlichen Seminar der Universität Siegen. Mit dabei sind zwei Einführungsveranstaltungen, denn ohne Anfänge gibt es keine Zugänge. Die fortgeschritteneren Bachelorstudierenden dürfen sich auf ein Seminar zu „Grenzobjekten und Medienforschung“ freuen, in dem wir intensiv mit den jüngst auf Deutsch erschienenen Schriften Susan Leigh Stars arbeiten werden. Für Masterstudierende gibt es den direkten Kontakt mit der aktuellen, praxistheoretisch ausgerichteten Forschung im SFB „Medien der Kooperation“ — als Einladung, die kooperativen Praktiken (digitaler) Medien zu verstehen und selber Lust am theoretisch-empirisch Neuen zu entwickeln.

  • Einführung in die Medienwissenschaft (7. Gruppe):
    Seminarsplan (PDF) | LSF | Moodle
  • Einführung in die Medienwissenschaft (8. Gruppe):
    Seminarsplan (PDF) | LSF | Moodle
  • Grenzobjekte und Medienforschung:
    Seminarsplan (PDF) | LSF | Moodle
  • Werkstatt Praxistheorie:
    Termine (PDF) | LSF | Homepage/Plakat

PS. Dieser Blogpost wird laufend aktualisiert.

Computing is Work!

Computing is Work! posterWe humans spend most of our waking lives working. Work includes cultural, intellectual, managerial, and emotional labor as well as physical toil. Despite this, most work by humanities and media scholars implicitly treats the study of work as marginal or uninteresting. Even the study of “digital practices” rarely engages with the specifics of the workplace, despite the importance of distributed micro-practices like clickworking. Information technology underpins the transformation of work today, as it has it in the past.

We welcome interdisciplinary contributions that address computing as work practice, both on a local, situated, infrastructural level. Speakers will be exploring many kinds of work, from the work of computerized literary production to the work of scientific research.We believe that close attention to the social processes of work has the cross-cutting potential to integrate a variety of historical, social and ethnographic research approaches, from labor history to the scientific ethnography to the study of media practices as cooperative accomplishments, into a revealing whole.

Computing is Work!
International Conference

July 6–8, 2017

Universität Siegen, Artur-Woll-Haus
Am Eichenhang 50, 57076 Siegen;
Museum für Gegenwartskunst, Siegen

Conveners: Thomas Haigh / Sebastian Giessmann
Keynotes: Matthew Jones, Kjeld Schmidt, Fred Turner, Matthew Kirschenbaum

Program: http://www.socialstudiesof.info/ComputingIsWork.

Supported by the Siegen University iSchool, the Collaborative Research Centre “Media of Cooperation”, Siegen and the Ministry of Innovation, Science and Research North Rhine-Westphalia.

Workarounds – Praktiken des Umwegs

Die vierte Ausgabe von ilinx widmet sich den Praktiken und Kulturtechniken zielführender Umwege. Unter „Workarounds“ verstehen wir temporäre Lösungen eines Problems und Improvisationen, mit deren Hilfe nicht nur Fehler in technischen Systemen korrigiert werden, sondern im weiteren Sinne der soziale Alltag bewältigt wird – angesprochen sind die Ausnahmen von der Regel, die das Gelingen erst ermöglichen. Workarounds umgehen auf räumlicher, zeitlicher und auch institutioneller Ebene die formalisierten und regelgeleiteten Abläufe, sie zeigen neue politische, soziale und ästhetische Wege auf. Indem man auftretenden Schwierigkeiten ausweicht und überraschende Verbindungen schafft, eröffnen sich Handlungsoptionen, während man etwas tut.

 

Cover ilinx4 Workarounds

ilinx – Berliner Beiträge zur Kulturwissenschaft. Nr. 4 : Workarounds
Herausgegeben von Holger Brohm, Sebastian Gießmann, Gabriele Schabacher und Sandra Schramke

Das gesamte Heft ist auf dem EDOC-Server der Humboldt-Universität einsehbar:
http://dx.doi.org/10.18452/18686

Inhaltsverzeichnis und Editorial [PDF]

Gabriele Schabacher, Im Zwischenraum der Lösungen. Reparaturarbeit und Workarounds [xiii]

Florian Hoof, “Speed Metal” – Medien industrieller Produktion und tayloristische Arbeitsorganisation [3]

Kathrin Fehringer, Workaround am eigenen Leib: Prothetik bei Otto Dix und in der französischen Gegenwartsliteratur [23]

David Keller, “A direct Pipeline to the Soul”. Zur Geschichte von Tricks und Täuschungen als epistemisch motivierte Umwege in der sozialpsychologischen Forschung [41]

Nikolaus Lehner, Empfehlungssysteme: Begehrlichkeiten auf Umwegen [57]

Claudy Op den Kamp, Circumvention and the Film Archive: Found Footage, Legal Provenance and the Aesthetics of Access [79]

Ronja Trischler, Trial and Error. Zusammenarbeit im Irrgarten digitaler Bildbearbeitung [93]

Tom Ullrich, Um das „Qualitätskino“ herumarbeiten. Über Umwege und Workarounds des jungen Jean-Luc Godard [117]

Petra Löffler, Zick-Zack. Bruno Latours Umwege [137]

Maren Mayer-Schwieger, Umwege auf See. Zur Pflanzenverschiffung Ende des 18. Jahrhunderts [145]

Fabian Goppelsröder, Aus-/Setzen. Zur Bewegungslogik des Zauderns [157]

Marcus Termeer, Le Parkour: Effektive (Um-)Wege in postfordistischen Stadtlandschaften [165]

N.N., Die gerissene Hutschnur. Bürokratie und Workarounds [173]

Sandra Schramke, Umwege der Ästhetik. Die Architektur von Wang Shu und Lu Wenyu [183]

Susan Leigh Star / Geoffrey C. Bowker, Warum Klassifikationen zählen [193]

Sebastian Gießmann, Klassifizieren und Improvisieren. Ein Kommentar zu Geoffrey C. Bowker und Susan Leigh Star [205]

gedenken, Annette Bitsch (1969–2016) [224]