Paranoia inklusive – Yasha Levines „Surveillance Valley: The Secret Military History of the Internet“

Die dreckige Wäsche wird immer zum Schluss gewaschen. Yasha Levines furiose Abrechnung mit dem Surveillance Valley setzt auf den letzten Seiten zum Rundumschlag an. Egal ob Edward Snowden, Jacob Applebaum, Roger Dingledine oder die Electronic Frontier Foundation: Für Levine spielen die Aktivisten rund um die Verschlüsselungssoftware Tor allzu naiv das Spiel von Geheimdiensten und Militärs mit, ohne sich kritisch mit der Herkunft ihrer favorisierten Technologien auseinander zu setzen. Levine, Sohn russischer Einwanderer und investigativer Journalist, hält sich hingegen an die Devise follow the money. Er beginnt sein Buch mit der bekannten Geschichte von Sputnik-Schock und Vietnamkrieg, die in den USA der 1960er-Jahre staatliche Forschungsgelder im ungeahnten Umfang mobilisierten. Er widmet sich der Advanced Research Projects Agency (ARPA), die auf dieser Basis als Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums gegründet wird.

Yasha Levine: Surveillance Valley - The Secret Military History of the Internet

Als Urszene der digitalen Überwachung fungieren in Surveillance Valley die strategischen Aktivitäten der ARPA zur Aufstandsbekämpfung im Project Agile. Sie beruhten auf einer Analyse des Militärgeheimdienstmanns William Godel: Angesichts der militärischen Fehler der französischen Kolonialmacht in Vietnam lautete dessen Schlussfolgerung, dass zukünftige counterinsurgency kleinteiliger, verdeckt, mit mehr High-Tech und psychologischer Kriegsführung operieren müsse. Noch vor Ausbruch des Vietnamkrieges baute die ARPA daher für das Pentagon gezielt Überwachungsstationen in Vietnam auf. Im Rahmen von Operation Igloo White wurden ­– weitestgehend ohne Erfolg – tausende Sensoren und Mikrofone im Dschungel platziert.

„Paranoia inklusive – Yasha Levines „Surveillance Valley: The Secret Military History of the Internet““ weiterlesen

Wissenszukünfte und Wissensnetzwerke – von der Gelehrtenrepublik zur Gemeingüterbewegung

Auf dem 75. Südwestdeutschen Archivtag habe ich am 18. Juni die Eröffnungskeynote halten dürfen. Der Vortrag fragt nach der kooperativen Verfassung des Wissens, seiner infrastrukturellen Speicherung und sozialen Zirkulation. Ausgangspunkt sind die epistemischen Werte der Gelehrtenrepublik, darunter die sukzessive Entdeckung und Hervorbringung von „Netzwerken“ in Buch- und Briefkultur, Anatomie und Naturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts.
In einem zweiten Schritt widme ich mich den akademischen Idealen des kooperativen Teilens von Ressourcen, die für die Nutzung des ARPANETs und den Aufstieg des World Wide Webs und der Wikipedia maßgeblich waren. Demgegenüber steht die neueste Entwicklung der digital-vernetzten Medien – mit ihrer Dauerkontrolle und wirtschaftlich dominanten Diensten – in einem scharfen Kontrast zu den dezentralen Werten wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Auch die digitale Gemeingüterbewegung ist nach anfänglich großen Erfolgen in eine prekäre Lage geraten. Wie können und sollen wir unter den ökonomischen Bedingungen einer Plattformgesellschaft das geteilte Wissen organisieren?