Bar oder mit Karte? Warum wir neue Infrastrukturen des Geldes brauchen [re:publica 23: CASH]

Banner der re:publica 2023, CASH
 
Bar oder mit Karte? Oder doch per App oder Krypto-Wallet bezahlen? Wenn es um’s Geld geht, fehlt in Deutschland soziale Fantasie, Innovations- oder gar Risikobereitschaft. Diesen Zustand nehme ich nicht länger hin und frage: Welchen digitalen Euro braucht unsere Zivilgesellschaft?

Keynote auf der re:publica 2023: 6. Juni, 16.45 Uhr, Stage 1.

Hier klicken, um den Inhalt von www.youtube-nocookie.com anzuzeigen

Spätestens seit der Etablierung des Bitcoins herrscht „trouble in moneyland“. Alte Gewissheiten stehen infrage, neue Infrastrukturen, tokens, Gelder werden entwickelt. Geld ist zu Datengeld geworden. Um die Herrschaft der konsumorientierten Bezahldienste ist ein globaler Kampf entbrannt. Afrika und China haben die Maßstäbe in Sachen mobiles Bezahlen und Super-Apps gesetzt. Facebook ist mit der Einführung einer eigenen Weltkryptowährung – vorerst – gescheitert. Und jenseits des Mainstreams haben Künstler:innen, Aktivist:innen und Wissenschaftler:innen im MoneyLab ausgelotet, wie man digitale Gelder als Kooperationsmedien neu erfinden müsste. Demgegenüber sind die Staaten und ihre Nationalbanken weitestgehend konservativ geblieben, inklusive der Europäischen Union und der EZB.

Aber der „trouble in moneyland“ ist längst in den europäischen Zivilgesellschaften, die zwischen Bargeldlosigkeit und Cash schwanken, angekommen. Die Covid-19-Pandemie hat die Bargeldnutzung weiter abgeschmolzen. Alte, kartenbasierte digitale Infrastrukturen werden mittlerweile von US-amerikanischen Anbietern dominiert. Neue digitale Infrastrukturen in kommerziellen Social Media folgen den datenökonomischen Spielregeln der Plattformökonomie. Fintech ist Mainstream und Teil des Finanzsystems geworden. NFTs stützen die bestehenden Kräfte des globalen, nun auch digital fungierenden Kunstmarkts. Krypto ist ökologisch desaströs und spekulativ überreizt.

Zugleich wird die soziale Innovationskraft eines gerade eben jetzt noch gestaltbaren Web3 unterschätzt, das Finanzmedien auf eine gemeinnützige Art und Weise einbindet. Für die deutsche und europäische Zivilgesellschaft steht in dieser unübersichtlichen Lage viel auf dem Spiel: Wir werden entweder eine neue öffentlich-rechtliche Infrastruktur aufbauen oder die digitale Souveränität des Euro gar nicht erst erlangen. Klassisches Bargeld wird weiter gebraucht. Aber viel brennender ist die Frage: Welchen digitalen Euro braucht unsere Zivilgesellschaft?