Wissenszukünfte und Wissensnetzwerke – von der Gelehrtenrepublik zur Gemeingüterbewegung

Auf dem 75. Südwestdeutschen Archivtag habe ich am 18. Juni die Eröffnungskeynote halten dürfen. Der Vortrag fragt nach der kooperativen Verfassung des Wissens, seiner infrastrukturellen Speicherung und sozialen Zirkulation. Ausgangspunkt sind die epistemischen Werte der Gelehrtenrepublik, darunter die sukzessive Entdeckung und Hervorbringung von „Netzwerken“ in Buch- und Briefkultur, Anatomie und Naturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts.
In einem zweiten Schritt widme ich mich den akademischen Idealen des kooperativen Teilens von Ressourcen, die für die Nutzung des ARPANETs und den Aufstieg des World Wide Webs und der Wikipedia maßgeblich waren. Demgegenüber steht die neueste Entwicklung der digital-vernetzten Medien – mit ihrer Dauerkontrolle und wirtschaftlich dominanten Diensten – in einem scharfen Kontrast zu den dezentralen Werten wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Auch die digitale Gemeingüterbewegung ist nach anfänglich großen Erfolgen in eine prekäre Lage geraten. Wie können und sollen wir unter den ökonomischen Bedingungen einer Plattformgesellschaft das geteilte Wissen organisieren?

Credit Card Mobilities

The Swiss Federal Archives have been publishing a video documentation of their „ICT@Admin“ conference. I had the privilege of being a part of this, so I include the video and abstract of my talk here. A complete documentation is also online, and the overall YouTube playlist is highly recommended.

CREDIT CARD MOBILITIES (Sebastian Gießmann, Siegen, March 26 2015)

The talk sketches out a praxeological history of the credit card, with an emphasis on its mediating qualities and operational status within bureaucratical frameworks. Temporal borrowing via credit card is regarded as a highly dynamic social technology that produces emergent topologies through distributed mobile payments. The formative years of the American credit card (1950-1975) are analyzed along with approaches from ethnomethodology (Harold Garfinkel) and actor network theory (Michel Callon). Cooperative media practices are key to understanding the relation between the administrative handling of „accounts“ and emerging social networks. This includes (1) Dining, traveling, and charging, (2) Accounting for trust and credit, (3) Mass mailing and advertising new ways of payment, (4) Building „co-opetitive“ platforms for networks and (5), the digital momentum of credit cards as immutable mobiles.

 

Vier Thesen zur Plattformgesellschaft (1)

Michael Seemann und ich haben im Vorfeld der re:publica 2015 in Köln und Berlin, online und offline intensiv diskutiert: Gibt es so etwas wie die Plattformgesellschaft schon? Im „Neuen Spiel“ geht es bereits um den Aufstieg der Plattformen, wie man in Kapitel 4 und 6 nachlesen kann. Und sowohl in den Science and Technology Studies als auch in der Medienwissenschaft wird schon seit einigen Jahren über Plattformen als neue Organisationsform und Ort der Verbindung von vielen mit vielen nachgedacht, also über Interaktion im Modus many-to-many. Ich selber bin durch meine Forschung zur Geschichte der Kreditkarte auf Plattformökonomien und die Schaffung zweiseitiger Plattformmärkte gestoßen, dazu kommt ein medientheoretisches Interesse.

Aus unseren Diskussionen heraus haben wir in unserem re:publica-Vortrag „Von der Netzwerk- zur Plattformgesellschaft“ vier Thesen entwickelt. Hier die Übersicht dazu:

  1. Plattformen sind Selektionsprozesse.
    Die Plattformgesellschaft wird getrieben von den Netzwerkeffekten potentieller Selektionen. [unser Beispiel dazu: die Geschichte der Telefonvermittlung]
  2. Plattformen setzen Standards.
    Die Plattformgesellschaft beruht auf Plattformökonomien, die Vertrauen, Kontrolle und Standardisierung miteinander kombinieren. [unser Beispiel dazu: die Geschichte der Kreditkarte]
  3. Plattformen sind Kooperationsbedingungen.
    Die Plattformgesellschaft braucht Plattformen, um Kooperation zu organisieren. Generativität wird eingeschränkt, bleibt aber bei zentralen und dezentralen Plattformen möglich. [unser Beispiel dazu: Apple vs. Linux]
  4. Plattformen reduzieren Selektionsoptionen.
    Die Plattformgesellschaft organisiert sich über sich zunehmend ausdifferenzierende und einander nicht rivalisierende Plattformen. [unser Beispiel dazu: die Entwicklung der Social Media]

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