Lehrveranstaltungen im Wintersemester 2026/27

 

Im Wintersemester 2026/27 biete ich folgende Lehrveranstaltungen in der Siegener Medienwissenschaft an:

  • Netzwerkkulturen von Telegraphie zu KI
    (Vorlesung Medien- und Kulturtechnik)
    Unisono | Moodle
  • Peter Weirs Kino der Zivilisationskritik. Eine Retrospektive
    (Seminar Kulturwissenschaftliche Analyse/Kulturgeschichte)
    Unisono | Moodle
  • Foucault 100
    Unisono | Moodle
  • Situating Artificial Intelligence (Forschungsprojekt, Master)
    Unisono | Moodle

In der Kölner Medienkulturwissenschaft biete ich im Rahmen meiner Privatdozentur für Medienkulturwissenschaft ein MA-Seminar an:

  • Medien der künstlichen Intelligenz:
    Praktiken, Situierungen, Infrastrukturen

    Klips | Ilias

Netzwerkkulturen von Telegraphie zu KI

Die Vorlesung führt in die materielle Medien- und Kulturtechnikforschung ein und folgt hierzu dem „Netzwerk“ als verbindendem praxeologischen und medienökologischen Leitmotiv. Seit dem 19. Jahrhundert sind neue Medien als infrastrukturelle Netzwerke und Medienindustrien entstanden, die zugleich die Entstehung von Medienöffentlichkeiten ermöglicht und bedingt haben – bis hin zu rezenten Formationen von Plattformen, Apps und künstlicher Intelligenz als soziotechnischen Umgebungen von Medien- und Datenpraxis.

Netzwerkkulturen adressieren die gemeinsame Entstehung von Infrastrukturen und Öffentlichkeiten anhand ausgewählter Mediensysteme: Telegraphie und Telephonie, urbane, rurale und wassergebundene Mobilität (Kanäle, Verkehrsnetze, Ozeane), Funktechnologien und Radio, Computer, Sensoren und digitale Kommunikationsnetze vom WWW zum Cloud Computing, soziale Medien vom Geld über seine Bezahltechnologien bis zur Social-Media-Plattform und digitalen Wallets.

Besondere Aufmerksamkeit gilt der rezenten Konjunktur von neokonnektionistischer KI im maschinellen Lernen und großen Sprachmodellen. Die Vorlesung ist als Überblick konzipiert, der Medien als praktisch und ko-operativ verfertigte, situiert produzierte und umweltlich gekoppelte Kulturtechniken versteht. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den politisch-ökonomischen Machteffekten und systemischen Logiken, wie sie insbesondere digital vernetzte Medien ausmachen.

Gießmann, Sebastian. The Connectivity of Things. Network Cultures since 1832. Infrastructures. MIT Press, 2024. https://doi.org/10.7551/mitpress/12547.001.0001.
Vismann, Cornelia. „Kulturtechniken und Souveränität“. Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung. Schwerpunkt Kulturtechnik, Nr. 1 (2010): 171–181.

Peter Weirs Kino der Zivilisationskritik. Eine Retrospektive

Peter Weir ist einer der prägendsten Kulturtheoretiker des Kinos. Zugleich gilt für seine Filme die Formel “they don’t make them like that anymore”. Das Seminar lädt deshalb zu einer Wiederentdeckung und neuen Würdigung des Œuvres des australischen Regisseurs ein. Weir hat wie kein Zweiter die Vielfalt der Genres des Kinos durchmessen – und dabei den Eigensinn sozialer Welten ebenso sehr wie die Kritik zivilisatorischer Ansprüche und ökologischer Verheerungen zu seinem Thema gemacht.

Wir sehen und diskutieren u.a. die australische Nouvelle Vague der 1970er Jahre mit „The Cars That Ate Paris“, „Picnic at Hanging Rock“ und „Die letzte Flut“. Weirs in Hollywood entstandene Welterfolge, darunter „Der einzige Zeuge“, „Mosquito Coast“, „Der Club der toten Dichter“, „Green Card“ und die „Truman Show“ erweitern sein (typisches) Unbehagen in der Kultur um einen spezifischen Blick auf Nordamerika.

Das Seminar kombiniert audiovisuelle Diskurse mit anspruchsvollen medien- und kulturtheoretischen Texten. Die Lektüre, gemeinsame Diskussion und der Besuch der wöchentlichen Filmscreenings – im englischen Original mit Untertiteln – ist elementar für die erfolgreiche Teilnahme.

Freud, Sigmund. „Das Unbehagen in der Kultur“. In ders. Gesammelte Werke XIV, 7. Aufl., Fischer, 1991, 419–506.

Foucault 100

Michel Foucault, so lässt es sich ohne Zweifel sagen, gehört zu den wichtigsten Denkern der Kultur- und Medienwissenschaften. Während dies für die Kulturwissenschaften und die Gender Studies aus der Rezeption seiner philosophischen Schriften heraus folgerichtig war, ist die Konjunktur Foucaults in der Medientheorie aber begründungsbedürftig. Wie konnten dessen Schriften, die in den wenigsten Passagen „Medien“ in den Vordergrund stellen, zum unabdingbaren Standard für das Denken medialer Zusammenhänge werden?

Wer heute „Diskurs- und Medienanalyse“, „Surveillance Studies“ oder „Queer Studies“ sagt, kommt um Foucault nicht herum. Zugleich hat sich die Rezeption in den Jahren vor seinem 100. Geburtstag intensiviert und verschoben. Der große Analytiker einer Mikrophysik der Macht verfügte über nicht zu unterschätzende blinde Flecken in Sachen postkolonialem Denken und Handeln. Zugleich wird Foucault mittlerweile vermehrt als Praxistheoretiker verstanden, und weniger als (Post-)Strukturalist. Das Seminar nimmt diese Widersprüchlichkeit anhand produktiver, neuer Perspektiven auf klassisch gewordene Texte kritisch in den Blick.

Veyne, Paul. Foucault. Der Philosoph als Samurai. Reclam, 2010.
Erdur, Onur. Schule des Südens. Die kolonialen Wurzeln der französischen Theorie. Matthes & Seitz, 2024.

Medien der künstlichen Intelligenz:
Praktiken, Situierungen, Infrastrukturen

Wie legt man einen medien- und kulturwissenschaftlichen Zwischenspeicher an, der dem Angriff der KI-Entwicklung auf die übrige Zeit analytische Geduld und kritische Präzision entgegensetzt? Das Master-Seminar knüpft an das dritte, sträflich unterschätzte Paradigma der situierten künstlichen Intelligenz an. Es ist seit den 1980er Jahren neben die philosophisch nobilitierte symbolische KI und die statistisch operierende konnektionistische KI getreten. Wir werden zusammen fragen, was es methodisch, analytisch und historisch braucht, um die aktuelle Medienentwicklung erneut und kritisch als situierte und situierende zu verstehen. Ein Ziel des Seminars ist forschendes Lernen in Gestalt einer gemeinsam erarbeiteten hybriden Publikation: ein tatsächlicher Zwischenspeicher, der in Zusammenarbeit mit dem Schweizer intercomverlag als Buch in der Æther-Reihe publiziert werden soll.