Test – Zeitschrift für Medienwissenschaft 29

Call for Paper ZfM TEST

Bereits vor Ausbruch der Covid19-Pandemie haben David Stark und Noortje Marres die fortwährende Ausweitung von Testverfahren als eine Signatur von test societies beschrieben. Sie konzentrierten sich dabei auf das wechselseitige Verhältnis von Test und Gesellschaft(en). Denn Tests finden nicht allein nur in Labor und Werkstatt, Büro oder Studio statt, sondern in sämtlichen Lebens- und Arbeitsbereichen. Doch in welchem Verhältnis stehen Medien und Tests – historisch, in der digitalen Gegenwart, politisch und methodologisch?

Wir schlagen vor, Tests als offene Situationen zu verstehen, in denen mittels etablierter oder sich erst während des Testens etablierender Maßstäbe soziotechnisch Entscheidungen ermöglicht werden. Mit Tests wird das Neue und Unerwartbare nicht nur erkundet, sondern medial registriert, identifiziert und klassifiziert. Auf diese Art und Weise werden situierte Daten als Fakten generiert, die wiederum Entscheidungen ermöglichen. Dadurch transformiert der Test das Getestete und seine Umgebung. Für einen medienkulturwissenschaftlichen Begriff des Tests gilt: In den Mikroentscheidungen des verteilten und verteilenden Testens steht das Soziale selbst auf der Probe. Der annoncierte Themenschwerpunkt von Heft 29 untersucht deshalb medienhistorische wie gegenwärtige Praktiken und Techniken von Testgesellschaften und fragt, wie sich Medien und Tests wechselseitig konstituieren – ob als Sinnestest, Testbild oder Testton, Probedruck, Testvorführung, Pilotfilm, Betaversion, Test technischer Objekte und Abläufe, forensische Analyse, Wissensprüfung oder biomedizinische Zertifizierung.

Besondere Aufmerksamkeit sollen die Politiken des Testens erfahren. Testgesellschaften können kontrollgesellschaftliche Elemente enthalten, doch die Politiken von Testsituationen entfalten sich auf unterschiedliche Weisen. Anstelle direkter Überwachung dominiert das permanente monitoring. Neben der Frage, wie mit Tests Entscheidungen getroffen und Zukünfte (un)möglich gemacht werden, sollen auch die beteiligten Akteur_innen und deren Handlungsmacht problematisiert werden. Wer verfügt einen Test? Wer hat Mitsprache an Kriterien und Bedingungen? Ist eine Testsituation für alle Beteiligten überhaupt als solche erkennbar? Gerade im Kontext digitaler Plattformmedien ist dies häufig nicht der Fall. Verfahren des datenbasierten Testens kennzeichnen technisierte und digitalisierte Lebenswelten – spielerische und situierte Praktiken, mit denen opake Medientechnologien angeeignet werden («unboxing», YouTube as Test Society), aber auch großflächige Tests, die vom Stresstest des Finanzsystems über die datenintensive Sozialforschung großer Plattformen und agile Entwicklungsstrategien (ehemals Perpetual Beta) bis zur allgegenwärtigen Einrichtung von Technologien maschinellen Lernens reichen. Man könnte von einer steten Ausweitung des soziotechnischen Testens sprechen, die auch Crashtests, experimentelle Smart Cities oder die Gesundheitsvorsorge umfasst.

Kein Medium ohne Test, kein Test ohne Medien. In datenintensiven Mensch-Maschine-Netzwerken wird fortwährend geprobt und getestet. Die wechselseitige Verfasstheit von Medien und Tests erzeugt dabei eigene Herausforderungen für medienwissenschaftliche Kritik und Methoden. Während der individualisierte Turing-Test als Mythos künstlicher Intelligenz weiter tradiert wird, werden mögliche kollektive Test- und Prüfverfahren verteilten maschinellen Lernens kontrovers diskutiert, etwa unter dem Stichwort der algorithmic accountability. Wie kann die Medienkulturwissenschaft ubiquitäres Testen in seinen verschiedenen Facetten empirisch nachverfolgen? Wie kann sie kritisch in entsprechende Debatten intervenieren? Und was bedeutet dies für medienwissenschaftliche Methoden?

Wir laden dazu ein, die Medien, Mediatoren und Situationen des Testens einer genauen Prüfung zu unterziehen. Besonders willkommen sind Beiträge, die die Medialität des Testens anhand konkreter Fälle untersuchen und sich deren Politiken zuwenden. Inwiefern sind Medien grundlegend für Testpraktiken und zeitlich begrenzte Test-Situationen? Inwiefern ist umgekehrt das Testen konstitutiver Bestandteil von Medien und deren Praktiken? Auf welchen biologischen, physikalischen, bürokratischen und sensorischen Test- und Prüfverfahren beruhen Medien? Wie schreiben sich die Medien und Mediatoren des Testens in Wahrnehmung, Sozialität, Geschlecht und Kulturtechniken ein? Ebenso interessiert uns, wie Institutionen und Plattformen, aber auch Situationen und Praktiken über die anhaltende Proliferation des Testens und seiner Datenpraktiken entscheiden. Wie lassen sich Testgesellschaften durch ihre öffentlichen Kontroversen – wer testet wen unter welchen Bedingungen – verstehen? Welche Testverfahren stehen im Widerstreit zueinander und gibt es alternative Testpraktiken und -kulturen? Wie lässt sich der Zusammenhang von Medien und Tests als politische Frage denken? Wie sähen demgegenüber die Konturen einer Poetik des Testens aus? Schließlich: Wie testet die Medienwissenschaft ihre Thesen?

Einreichung kompletter Beiträge bis zum 28. Februar 2023.
Stylesheet und Call unter www.zfmedienwissenschaft.de.

Ideen für mögliche Beiträge können sehr gern vor dem Einreichen der ausgearbeiteten Texte mit der Schwerpunktredaktion besprochen werden. E-Mail für inhaltliche Rückfragen: sebastian.giessmann@uni-siegen.de, carolin.gerlitz@uni-siegen.de.

Schwerpunktredaktion: Sebastian Gießmann, Carolin Gerlitz

Die einstmals universelle Maschine

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In Michel Serres’ 1989 erstmals erschienenen Elementen einer Geschichte der Wissenschaften steht der Computer am Ende einer Vielzahl von Verzweigungen im Netz aller möglichen Wissens- und Wissenschaftsgeschichten. Seine Bedingung liegt dabei nicht nur in allen Netzwerken, die ihm vorausgehen. Serres lässt keinen Zweifel daran, dass der Computer zu jenen Maschinen gehört, die man Universalwerkzeuge nennt – „da sie vom Werkzeug die Effizienz und vom Universellen die Wissenschaftlichkeit geerbt haben“.[1] So weit, so vertraut, könnte man mit etwas zu viel Gewissheit meinen: Rechenmaschinen sind eben spätestens seit Turings tape als universelle Maschinen konzipiert worden. Aber bereits Serres stellt nicht die Philosophie und Mathematik des Rechnens mit symbolischen Maschinen in den Vordergrund: Weder Leibniz und Pascal, noch Turing und von Neumann hätten die Rechenwerke komplett im Kopf gehabt, bevor sie sich ihrer konkreten Realisierung widmeten. Im Gegenteil hält Serres hier die praktische Realisierung des Digitalrechners durch Forschung hoch:

„Wer forscht, weiß nicht, sondern tastet sich vorwärts, bastelt, zögert, hält seine Entscheidungen in der Schwebe. Nein, er konstruiert den Rechner von übermorgen nicht dreißig Jahre vor seiner Realisierung, weil er ihn nicht voraussieht; während wir, die ihn kennen und fortan benutzen, leicht dem Fehlschluß erliegen, er hätte ihn vorausgesehen. In Wirklichkeit ist es mit ihm wie mit allen Akteuren dieses Buches – den individuellen und den kollektiven, den materiellen wie den intellektuellen: sie sind nur Darsteller seiner Verzweigungen und seines schwankenden Netzes.“[2]

„Die einstmals universelle Maschine“ weiterlesen

Memory, Mind and Media

Cover Memory, Mind and Media

 

There is a new open access journal in the making, and I am glad to be part of its editorial board. Please check out the homepage of Memory, Mind and Media at Cambridge University Press. While its official launch date is 2022, first online articles will be published by mid-2021. The journal is edited by Andrew Hoskins (University of Glasgow, UK) and Amanda J. Barnier (Macquarie University, Australia).

Memory, Mind & Media (MMM) explores the impact of media and technology on individual, social and cultural remembering and forgetting. This agenda-setting journal fosters high-quality, interdisciplinary conversations combining cognitive, social and cultural approaches to the study of memory and forgetting in the digital era. The pervasiveness, complexity and immediacy of digital media, communication networks and archives are transforming what memory is and what memory does, changing the relationship between memory in the head and memory in the wild.

MMM offers a new home for a wide variety of scholars working on these questions, within and across disciplines, from history, philosophy, media studies, cultural studies, law, literature, anthropology, political science, sociology, neuroscience, psychology, cognitive and computational science and elsewhere.

The journal gives priority to submissions that are cross-disciplinary and/or interdisciplinary, experimental, agenda-setting and push the boundaries of existing knowledge and methods. The journal insists on jargon-free, plain English submissions to ensure a widely accessible forum for cutting edge work.

MMM is a high-quality, peer-reviewed journal, publishing online and Open Access. As a barrier-free Gold OA journal, a fee waiver system is in place for unfunded authors. You can submit your article using our online submission system here. General queries should go to memorycambridge@gmail.com.

The Practice Turn in Media Studies

Cover Connect and Divide The Practice Turn in Media Studies

 

“Connect and Divide” took a long time to be published, but now the book is finally here. Bringing practice theory/praxeology and media studies together seems like an endeavour that needs time for deliberation. My own contribution “How to Coordinate Digital Accounting? Infrastructuring Payment and Credit with the Eurocard” is a business history from the lost 1970s/1980s social world of an European credit card called the Eurocard. It focuses on practices of coordination, and combines these with a framework of thinking about practices of delegation, and registration/identification.

Within the volume’s long production time, the reproduction of images somehow took a strange trajectory. This is why I republish them in this blog post for your viewing and reading pleasure. And do not forget to check out the other excellent contributations to this publication of the German Research Foundation’s third Media Studies symposium! It is also the first time that this has been a transatlantic event. I am very grateful to have been a part of it. „The Practice Turn in Media Studies“ weiterlesen

Die Botschaft des InterNjet

Am ersten Oktober 1970 fiel die politische Entscheidung, kein gesamtsowjetisches Computernetzwerk aufzubauen. Die Geschichte dieses „InterNjet“ ist mittlerweile aus den USA heraus rekonstruiert worden, u.a. von Slava Gerovitch und Ben Peters. In Deutschland sind die sowjetischen Netzwerkprojekte und ihre Protagonisten Anatolij Kitov und Wiktor Gluschkow nur wenigen bekannt.

Mein Artikel zum 50-jährigen Nicht-Jubiläum ist heute in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen (30. September, S. N4, online bei faz.net). Die US-amerikanischen Arpanet-Entwicklungen hatten bereits im letzten Jahr ihren 50. Geburtstag. Im kommenden Siegener Seminar Medienkulturen des Kalten Krieges: „The Americans“ werden die digitalen Medientechnologien und kybernetischen Infrastrukturen auf – und zwischen – beiden Seiten des Eisernen Vorhangs analysiert.

egsvt_soviet_network_plan_1964
Karte des Einheitlichen Staatlichen Netzwerks von Rechenzentren EGSVT, Plan für das Jahr 1990. Datiert auf 1964 in Peters, Ben: How Not To Network a Nation: The Uneasy History of the Soviet Internet, Cambridge, MA/London 2016, S. 112.

Identifizieren: Theorie und Geschichte einer Medienpraktik

Cover Identifizieren: Theorie und Geschichte einer MedienpraktikRegistrieren, Identifizieren und Klassifizieren sind Praktiken, die in digitalen Kulturen kaum mehr zu trennen sind. Anhand der Mediengeschichte des Passes und der Kreditkarte geht der folgende Text der Frage nach, wie immer neue infrastrukturelle Kaskaden des Identifizierens entstehen und welche öffentliche Brisanz den entsprechenden Datenverarbeitungen innewohnt. Beim Identifizieren handelt es sich um eine ko-operative Medien- und Datenpraktik, an der stets mehr als eine Person beteiligt ist. Sie involviert von Anfang an menschliche Körper samt ihrer semiotischen Ressourcen und koppelt diese mit bürokratischen Aufschreibesystemen. Auch die neuesten digitalen Prozeduren greifen bevorzugt auf Gesichter und Fingerabdrücke zu: Biometrie versucht, den für das Identifizieren konstitutiven Abstand zwischen Konten, Körpern und Personen aufzuheben.

„Identifizieren: Theorie und Geschichte einer Medienpraktik“ ist in der Working Paper Series des Siegener Sonderforschungsbereichs Medien der Kooperation erschienen. Es handelt sich um einen Preprint des Wörterbucheintrags „Identifizieren“, der im dritten Band des „Historischen Wörterbuchs des Mediengebrauchs“ publiziert werden wird. Ich danke den Herausgebern Heiko Christians, Matthias Bickenbach und Nikolaus Wegmann für diese Möglichkeit. Entstanden ist der Text in und mit der Werkstatt Praxistheorie des SFBs. Wichtig war die Diskussion zur banal surveillance mit Asko Lehmuskallio, Paula Haara und Heiki Heikkilä während eines Aufenthalts in Tampere, Finnland. Jenny Berkholz, Sebastian Randerath und Tobias Conradi haben die Publikation des Working Papers dankenswerterweise mit möglich gemacht.

Über neue Wege und Ziele der Medienforschung

Logo Methodendebatte

Zur laufenden Debatte über Methoden der Medienwissenschaft habe ich einen Text zu neuen Wegen und Zielen der Medienforschung beigesteuert, der in der Zeitschrift für Medienwissenschaft erschienen ist. Alle Diskussionsbeiträge sind online einsehbar.

Meine Intervention  schlägt eine interdisziplinäre Verschiebung in der Debatte zu medienwissenschaftlichen Methoden vor: Die Medienkulturwissenschaft sollte sich neuen Formen theoretischer Empirie öffnen, wie sie international als „inventive, mixed, lively, mobile, digital methods“ diskutiert werden.

Open Access für „Die Verbundenheit der Dinge“

Mein Buch „Die Verbundenheit der Dinge: Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke“ liegt nun im Open Access vor. Die PDF-Datei der zweiten Auflage von 2016 kann über das medienwissenschaftliche Fachrepositorium media/rep/ aufgerufen werden. Großer Dank gilt neben Dietmar Kammerer  dem Kulturverlag Kadmos und Wolfram Burckhardt, die das Buch angesichts der Corona-Epidemie für den Open Access verfügbar gemacht haben. Bitte unterstützen Sie freie und unabhängige Verlage, die es momentan besonders schwer haben! Zum Beispiel mit dem Erwerb der Druckversion, die nicht nur zusätzlich über einen großen Farbteil verfügt, sondern einfach besser in der Hand liegt als ein PDF.

„Die Verbundenheit der Dinge“ hat 2020 den Übersetzungspreis von Geisteswissenschaften International erhalten. Das Buch wird 2022 in überarbeiteter Form als „The Connectivity of Things“ bei MIT Press erscheinen.

Bildtafeln zur Verbundenheit der Dinge

Happy Birthday, ARPANET!

Am 29. Oktober 2019 feiert das Arpanet seinen 50. Geburtstag. Mein Geburtstagsständchen zu dieser zweiten Mondlandung des Jahres 1969 ist in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen (23. Oktober, S. N4).

Alexander McKenzie (Bolt, Beranek and Newman): ARPANET-Topologie im Dezember 1969. Kreise verzeichnen die Interface Message Processors an UCLA, Stanford Research Institute, UCSB und der University of Utah. Rechtecke bezeichnen die angeschlossenen Computer XDS Sigma-7, XDS 940, IBM 360/75 und DEC PDP-10. Zeichnung, undatiert.