
Im Sommersemester 2026 biete ich folgende Lehrveranstaltungen in der Siegener Medienwissenschaft an:
- Kulturtechnik Lesen (Seminar Medien- und Kulturtechnik, 1. Gruppe)
Unisono | Moodle - Phil Agre Revisited: Praxis, Überwachung und KI
Unisono | Moodle - Situating Artificial Intelligence (Forschungsprojekt, Master)
Unisono | Moodle
Worum geht es in den Lehrveranstaltungen?
Kulturtechnik Lesen
Kein Mensch liest mehr. Und doch lesen wir alle, ob weiterhin auf Papier, in den mobilen Timelines oder schlicht um mit der Generativität von Chatbots Schritt halten zu können. Das Seminar führt in die Medien- und Kulturtechnikforschung anhand der Praktiken, Techniken, Phänomene und Diskurse der Lektüre ein. Menschliches und maschinelles Lesen werden dabei symmetrisch behandelt. Zugleich geht es darum, wie wir in Zukunft lesen wollen – speziell in einem Studium, das auf die elementare Lektüre- und Analysefähigkeit aller Medien als Kulturtechniken hin ausgerichtet ist. Wie sieht die medienwissenschaftliche Leser*in der Zukunft aus? Wer schreibt Niklas Luhmanns klassische Handreichung „Lesen Lernen“ neu? Und was liest eigentlich ChatGPT, um in den Datenräumen großer Sprachmodelle Instant-Lektüren zu erzeugen?
Luhmann, Niklas. „Lesen lernen“. In Short Cuts, 4. Aufl. Zweitausendeins, 2002, S. 150-157.
Phil Agre Revisited: Praxis, Überwachung und KI
Das Lektüreseminar widmet sich bekannten und unbekannten Texten des Informatikers und Medientheoretikers Phil Agre. Bei Agre handelt es sich um einen in Deutschland immer noch zu wenig wahrgenommenen, aber ohne Zweifel international hoch einflussreichen Theoretiker digitaler Kulturen (wider Willen). Seine frühen Analysen zu symbolischer KI, den Grammatiken des Handelns mit Computern/Interfaces, der „capture“ von Daten samt ihres Modus logistischer Überwachung und sein Plädoyer für eine kritische technische Praxis haben sich über einen längeren Zeitraum als enorm produktiv erwiesen. Seine aus dem militärisch-industriellen KI-Komplex heraus entstanden Dissertation Computation and Human Experience ist nicht weniger als ein Meilenstein der Critical AI Studies – aber auch der Game Studies. Das Seminar lädt dazu ein, Phil Agre (& Friends) neu zu entdecken: Wie lässt sich seine wegweisende Produktivität für die Abgründe unserer digitalen Gegenwart – aber auch für medienhistorische Analysen und zukunftsorientiertes Design – entfalten? Sehr gute Englischkenntnisse sind notwendig; bei Interesse findet das Seminar auf Englisch statt.
Agre, Philip E. Computation and Human Experience. Learning in Doing: Social, Cognitive, and Computational Perspectives. Cambridge University Press, 1997.
Situating Artificial Intelligence (Forschungsprojekt)
Wie legt man einen medien- und kulturwissenschaftlichen Zwischenspeicher an, der dem Angriff der KI-Entwicklung auf die übrige Zeit analytische Geduld und kritische Präzision entgegensetzt? Das in den Master-Studiengängen „Medienkultur“ und „Digital Media and Technologies“ lokalisierte Forschungsprojekt knüpft an das dritte, sträflich unterschätzte Paradigma der situierten künstlichen Intelligenz an. Es ist seit den 1980er Jahren neben die philosophisch nobilitierte symbolische KI und die statistisch operierende konnektionistische KI getreten. Wir werden zusammen fragen, was es methodisch, analytisch und historisch braucht, um die aktuelle Medienentwicklung erneut und kritisch als situierte und situierende zu verstehen. Ziel des Forschungsprojekts ist forschendes Lernen in Gestalt einer gemeinsam erarbeiteten hybriden Publikation: ein tatsächlicher Zwischenspeicher, der in Zusammenarbeit mit dem Schweizer intercomverlag unter cache.ch und als Buch publiziert werden soll. Das Forschungsprojekt wird hochschulpädagogisch von Dr. Ursula Gießmann, stellvertretende Leiterin des Zentrums für Hochschuldidaktik der Universität zu Köln, begleitet. Es setzt mein Master-Seminar „Medien- und Wissensgeschichte der Künstlichen Intelligenz“ vom Wintersemester 2024/25 fort, wobei dessen Besuch nicht Voraussetzung zur Belegung ist.
