Das Kreditkarten-Buch: Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens

Patentzeichnung zur Freischaltung des Smartphones per
biometrischer Identi kation des Gesichts. Apple, 2019.

Bar oder mit Karte? Oder doch mit App oder Blockchain? Sebastian Gießmanns rasante Geschichte der Kreditkarte führt uns in die verborgenen Welten des digitalen Bezahlens. Sie zeigt erstmals, wie unsere digitale Gegenwart in Nordamerika mit einer kleinen Plastikkarte begonnen hat, was Magnetstreifen und Chips eigentlich bedeuten und wie Europa einmal führend im digitalen Bezahlen werden konnte. Gießmann führt die Leser:innen elegant in die verschwiegene Innenwelt von Banken, Kreditkartenorganisationen und computerisierter High-Tech-Sicherheit. Er würdigt die Alltäglichkeit der Transaktion ebenso wie die irrwitzigen true crimes des Kreditkartenbetrugs.

Das Kreditkarten-Buch fragt nach der Wahrheit hinter den Werbeslogans, Firmenlogos und Fernsehspots. Wie wir bezahlen, ist politisch. Soziale Teilhabe und Differenz, Konsum, finanzielle Überwachung, die Zukunft des Bargeldes: Im digitalen Bezahlen steht nicht weniger auf dem Spiel als unsere ökonomische Identität.

Erscheint im März 2026 beim famosen Berliner Kulturverlag Kadmos. Please support your favorite independent publishers and bookstores!

Inhaltsverzeichnis

1 Geschichte und Theorie des digitalen Bezahlens (1832−2014)
1.1 The Nothing Card – The Nothing App
1.2 Praktiken und Körper, Objekte und Infrastrukturen
1.3 Welche Geschichte des Bezahlens?

2 »Credit Card Nation«: Die Industrialisierung der Schulden in den USA
2.1 Anschreiben und Aufschieben
2.2 Kreditkarten ohne Plastik – und mit
2.3 Zur Etablierung von Visa und Mastercard

3 Standard und Automat, Zeitung und Fernsehen
3.1 Ein amerikanischer Standard: ANSI X4.13 und der Magnetstreifen
3.2 Am Geldautomaten
3.3 Wie man mit Kreditkarten betrügt
3.4 Werbespot und Fernsehserie

4 Europas Ringen um die Zahlungssysteme
4.1 Papier oder Plastik?
4.2 Der Fall der Eurocard
4.3 Chip um Chip: Smart Cards und EMV als globaler Standard
4.4 Mittelschichtenträume: Globalisierungen der Kreditkarte

5 Digitales Bezahlen im 21. Jahrhundert
5.1 Amazon, PayPal und das World Wide Web
5.2 Das iPhone, Apple Pay und »Network Tokenization«
5.3 Karten-Botschaften und die Zukunft des Bargelds

The Network Outside In

Unsere sozialen Netzwerke basieren auf materieller Kultur, aber zugleich vergessen wir das verbindende – und trennende – Netz, wenn wir kooperieren und kommunizieren. Dieses Verschwinden gehört zur Medialität der Netzwerke untrennbar dazu. Aber ihre materiell-symbolische Konstitution tritt immer wieder zu historischen Wendepunkten in den Vordergrund.

Formalisierte Netzwerke treiben nicht nur die Verbindungslogiken von Social Media an, sie sind auch zur Bedingung für weitere rezente Medienentwicklungen geworden, die Sprache, Texte, Bilder, Töne, Filme und Computercodes unter neue Netzwerkbedingungen stellen. Mit der datenintensiven Entwicklung von Algorithmen maschinellen Lernens ist die „network science“ in eine neue Phase eingetreten, die ich – mit aller gebotenen Vorsicht – die siebte Schicht der Netzwerkgeschichte nenne.

Durch konnektionistische Rechenpraktiken, die auf künstlichen neuronalen Netzen beruhen, ist seit 2012 das Phänomen der lange als gescheitert gegoltenen „Künstlichen Intelligenz“ zurückgekehrt. Galt im maschinellen Lernen zunächst statistischer Sprach- und Bildanalyse durch neuronale Netze die Aufmerksamkeit, ist mit den großen Sprachmodellen seit 2017 ein neuer, „generativer“ Modus der medialen Produktion entstanden. Dieser variiert vor allem bestehende cultural patterns, die vorher einer (formalen) Netzwerkanalyse unterzogen worden sind, um dann aufs Neue Muster zu generieren, die aber lediglich auf Wahrscheinlichkeiten beruhen.

Die Akteur:innen dieser Transformation, ob nun in ihrer nordamerikanischen oder chinesischen Variante, investieren massiv in den Ausbau ihrer geopolitischen Netzwerkmacht. Sie beruht weiterhin auf materiellen Faktoren: Künstliche Intelligenz benötigt energie- und kostenintensive Rechenzentren, um auf allen digitalen Geräten in Quasi-Echtzeit verfügbar zu sein. Sie bleibt auf ständig neue Datenressourcen angewiesen, die durch die Nutzer:innen in unsichtbarer Arbeit miterzeugt – oder wie jüngst im Falle von Metas Training des Sprachmodells Llama – gleich durch Big Tech extraktiv geraubt werden.

Mit konnektionistischer KI, die mit Sicherheit künstlich, aber eben nicht biologisch intelligent ist, steht die Beschreibbarkeit und Analyse dessen, was wir Medien und Kulturtechniken nennen, selbst auf dem Spiel. Dem ins Innere der Medien gewanderten Netzwerk werden wir nur auf die Spur kommen, wenn wir seine politische Ökonomie samt Datenkolonialismus, seine Rückwirkung auf unsere sozialen Medien, aber auch das opake Rechnen mit künstlichen neuronalen Netzen besser verstehen.

Zuerst erschienen im studentischen Magazin Seitenspiel, Potsdam: Europäische Medienwissenschaft, 2025, S. 9.

 

Das neue Geld der Öffentlichkeit: Medienhistorisches Plädoyer für den digitalen Euro

Das neue Geld der Öffentlichkeit. Die Pläne der Europäischen Union für einen digitalen Euro bedeuten nicht das Ende des Bargelds, sondern die erstmalige Schaffung einer souveränen, sicheren Bezahlinfrastruktur. Ein medienhistorisches Plädoyer. Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.9.2023, S. N4. Online unter faz.net.

Architecture of the Digital Euro, May 2023
Architekturvorschlag zum digitalen Euro, EZB, 26. Mai 2023 – „Digital euro – Prototype summary and lessons learned“