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Netzwerkanalysen – zum Seminarfinale

Der folgende Text fasst in sehr geraffter Form ein Siegener Seminar im Wintersemester 2014/15 zusammen (Orts- und situationsbezogene Medienforschung I: Netzwerkanalysen). Normalerweise bleibt so etwas im universitären Kontext dunkelgraue Literatur, aber die Zeichen der Zeit sprechen für Open Educational Resources. Die Literaturverweise erschließen sich durch einen Blick auf den Syllabus. Danke an alle Studierenden für ihre engagierte Mitarbeit!

4. Februar 2015

Was haben wir in diesem Semester gelernt? Und, fast noch wichtiger, worüber haben wir nicht sprechen können? Man kann sich auch fragen, wie sich eigentlich die digital-vernetzten Medien in den letzten vier Monaten verändert haben. Können wir schon gut beschreiben, wie sich die gegenwärtigen Plattformen auf die Texturen von Gesellschaften auswirken, auf individuelle und kollektive Lebensentwürfe? Wenn man Netzwerke als Kulturtechnik versteht, dann sind die wissenschaftlichen Analyseformen nur ein vergleichsweiser kleiner Teil aller Praktiken, zu denen wir gerne „vernetzt“ sagen. Aber die Wissenschaften sind nicht unschuldig an der Vielzahl von Netzwerken, und haben sie in weiten Teilen mit hervorgebracht: die Soziologie (und die Ethnologie) durch Kartierungen und auch die statistische Vermessung sozialer Praktiken, die Erkundung von Verwandschaftssystemen und Gruppendynamiken, die Ingenieurswissenschaften durch die Arbeit an den gebauten und programmierten Netzen, Mathematik, Chemie, Physik und Biologie durch die graphentheoretische Modellierung von verteilten, in Knoten und Kanten erfassbaren Phänomenen. Netzwerkanalysen erzeugen zu einem guten Teil, was sie erkennen, beschreiben und neu operationalisieren. Diese Involviertheit von Wissenschaften in eine Kulturtechnik — von der sie nicht zu trennen sind — ist aber der Normalfall. In einer solchen Situationen kommt es ganz besonders auf die Wahl der probaten medientheoretischen Mittel an: Nicht alle Formen von Netzwerkanalyse lassen alles erkennen. Es handelt sich also nicht um eine „Theory of Everything“, wie man Donna Haraway kritisch anmerken kann.

Das Netzwerk der Region. Fotografie Sebastian Gießmann, CC-BY-SA. Universität Siegen, 28.1.2015

Das Netzwerk der Region. Fotografie Sebastian Gießmann, CC-BY-SA. Universität Siegen, 28.1.2015

Es sind also Entscheidungen für die medienwissenschaftliche Forschung zu treffen: Interessiert man sich für Beziehungsnetze zwischen Personen und/oder die Interaktion in einer Organisationen? Für die Texturen von sprachlich miteinander verbindenden Geschichten, oder die Poetologie eines Textes? Oder geht es um die Art und Weise, wie Social-Media-Plattformen die Entstehung sozialer Netzwerke bedingen? Geht man strikt orts- und situationsbezogen in der Feldforschung vor? Wenn ja, wie realisiert man dann ein „follow the actors“ und wie wählt man die Akteure aus, denen man folgt? Wie integriert man die Materialität von Objekten, Architekturen und medialen Infrastrukturen?

Wir haben in diesem Semester drei Arten von Netzwerkanalysen kennengelernt:

(1) Die „klassische“ aus der Sozialforschung zu kleineren Gruppen, wie sie vor allem in Nordamerika seit ca. 1930 entstanden ist. Erinnern Sie sich an Jacob Levy Moreno, der vergleichsweise unmittelbar die von ihm teils selbst geschaffenen sozialen Beziehungen kartiert, sei es im Improvisationstheater des Sozio- und Psychodramas, oder wissenschaftlich-methodischer gerahmt in der Analyse sich gegenseitig „ansteckender“ Praktiken und Emotionen. Und erinnern sie sich an Granovetter, der die Sequenzen sozialer Handlungen, die zur Erlangung eines „Jobs“ führen, mit einer Kombination aus Statistik, Fragebögen und Feldforschung analysiert. Bei Harrison White wird diese Rekonstruktion von Handlungen, Präferenzen und Zu- und Abneigungen dann bereits stärker reflexiv verstanden und auf ihre Ursachen hin untersucht: „identity seeks control“, und diese wechselseitigen Formen sozialer Kontrolle liefern dann auch eine Begründung, warum es soziale Netzwerke gibt. Dies ist, wie wir mit Marylin Strathern gesehen haben, keine Selbstverständlichkeit für Netzwerkanalysen, die zwar Operationen verfolgen und Strukturen begründen können, aber nicht notwendigerweise die Gründe, die genau zu dieser Netzwerkbildung geführt haben. D.h., es gibt immer ein „außerhalb“ des Netzwerkes, z.B. durch ökonomische Ansprüche auf Eigentum in einer bestimmten Gesellschaftsordnung. Das ist, wenn sie so wollen, eine strukturelle Schwäche von Netzwerkanalysen jedweder Art: Sie müssen immer den Kontext, die Ökologie der Gründe für die verfolgten „kommunikativen Pfade“ (Harold Garfinkel) mit rekonstruieren. Dies gilt auch und gerade für die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT).

(2) Diese stellt die zweite Form von Netzwerkanalysen dar, der sich unser Seminar gewidmet hat. Und die ANT hat, an einer spezifischen historischen Stelle am Anfang der 1980er Jahre, auch eine sozialtheoretische Haltung zu ihrer Analyseform entwickelt, die von einer Spezifik der Netzwerkbildungen ausgeht — ohne dabei zwischen „modernen“ und „traditionalen“ Gesellschaften zu unterscheiden. Michel Callon und Bruno Latour haben das in einem klassischen Text zur Demontage des großen Leviathans. Wie Akteure die Makrostruktur der Realität bestimmen und Soziologen ihnen dabei helfen auf ein Motto gebracht: „Wir ersetzen den Leviathan durch ein allgemeines Übersetzungsgesetz.“ Was war damit gemeint? Callon und Latour nahmen sich mit dieser frechen Annahme all derjenigen Bilder des Sozialen an, die für menschliche Kollektive und ihre Handlungen und Austäusche eine vergleichsweise fixe symbolische Ordnung vorsehen — z. B. die einer absolutistischen Herrschaft wie bei Hobbes.

Für die ANT steht nie von vorneherein fest, was eigentlich die gesellschaftlichen Strukturen sind, die Modi der Individuation, die Wege der politischen Aushandlung. Diese Radikalität hat die ANT von Harold Garfinkel und der Ethnomethodologie übernommen. Dabei verflüchtigen sich aber, wie wir bei Callon und Law gesehen haben, keineswegs die machtanalytischen Fragen. Sie verschieben sich in variable Geometrien von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren, die durch Sequenzen der „Problematisierung“, des „Interessements“, „Enrolments“, in ein Netzwerk integriert werden (bei möglichem Verrat und möglicher Abtrennung von Akteuren). Der Gesellschaftsentwurf der ANT ist ein diplomatischer und demokratischer — Latour bewundert den Diplomaten als Vermittler –, der alle relevanten Vermittler/Mediatoren mit integriert und von der grundlegenden Übersetzbarkeit ihrer Handlungen ineinander ausgeht.

Dabei sind die klassischen Massenmedien nur eine besondere Ausprägung von Vermittlern und Übersetzungen, die etwa wie bei Antoine Hennion und Cécile Méadel über die orts- und situationsbezogenen Praktiken ihrer Verfertigung analysiert werden. Die ANT liebt gewissermaßen „kleine“ Medien, alltägliche Aufschreibesysteme und bürokratische Prozeduren und Formen: Jedes Medium wird über die mikrologischen Operationen und Übersetzungen und Zirkulationen, die es erlaubt, analysierbar. Dies gilt nicht für infrastrukturelle Analysen unserer Medien-Welten, sondern auf allen Ebenen, auf denen Handlungen von Personen, Zeichen/Inskriptionen und Dingen phänomenal sicht- und hörbar gemacht werden und als „Netzwerke“ analysiert werden können. Eine Film- und Fernsehanalyse mit der ANT ist eine leichte Übung. Interessanter wird es aber, wenn es z. B. um Softwarepraktiken und Plattform-Interaktionen geht — hier entfaltet die ANT, und die Fortführung in den Science and Technology Studies, ihr Potenzial in der orts- und situationsbezogenen Medienforschung.

(3) Und wir haben in Ansätzen über die Form von graphentheoretischer Netzwerkanalyse gesprochen, die für die Generierung von soziotechnischen Netzwerken am weitaus wichtigsten und folgenreichsten geworden ist. Sie ist am nächsten an der „Praxis“, durch ihre allgegenwärtige Implementierung in unserer Lebenswelt. Die Netzwerke der Werbeagentur aus Hennion und Méadels In den Laboratorien des Begehrens sind heute ohne die Werbenetzwerke, die die Internetnutzung sozialstatistisch tracken, kaum mehr zu denken. Keine digitale Navigationspraktik kommt ohne die informatische Aufteilung des Raumes in Knoten, an denen Bewegung neu ausgerichtet wird, aus. Verkehrs- und Stadtplanung simuliert die Flüsse und Stockungen von Interaktionen in vernetzten Infrastrukturen. Die global verteilten Datenbanken von Facebook und WhatsApp bilden die Relationen der jeweiligen Nutzeraccounts in einer neuen Form von Echtzeit-Sozialforschung ab, und machen die entsprechenden Daten zur Handelsware sozialer Relationalität — weitgehend kongruent mit den Handlungen der Nutzerinnen und Nutzer, die auch bei Veränderungen der plattformpolitischen Nutzungsbedingungen eher zwischen „erwünschter“ und „unerwünschter Beobachtung“ in ihrer interpersonalen Netzwerken unterscheiden. Die Überwachungsmöglichkeiten von „Big Data“ bleiben ein weitgehend abstraktes, gefühlt fernes Phänomenen, während daraus ein ganzer Industriezweig von Netzwerkanalysen entstanden ist, der auf Echtzeitdaten und -handlungen abzielt: „identity seeks control“ (Harrison White).

Operative „Network Science“, wie sie Albert-László Barábasi betreibt, ist ein signifikanter Teil unserer gegenwärtigen Medienkultur — in der nach den Geheimdienst-Skandalen die nächsten Konjunkturzyklen bereits absehbar sind. Das „Internet der Dinge“ erhöht Tag für Tag die Zahl der nicht-menschlichen Netzwerkakteure. Und auch die Siegerländer Unternehmen machen sich bereit für die Industrie 4.0 … Die netzwerkanalytischen Mittel der Soziologie, Ethnologie und ANT/STS-basierten Medienforschung haben demgegenüber einen deutlich bescheideneren Anspruch. Ihre große Chance liegt in der Entschleunigung laufender soziotechnischer Prozesse, in der Interesse am Detail (offline wie online), der Situationsbeschreibung, dem Interesse an der Weitergabe kultureller Muster in Netzwerkform, aber auch dem historischen Bewusstsein. Dies kann mit der Kombination von soziologischen und graphentheoretischen Methoden der Netzwerkvisualisierung geschehen, wie uns Lothar Krempel gezeigt hat. Oder mit der orts- und situationsbezogenen Analyse digital-vernetzter Medienpraktiken, wie sie Johannes Paßmann unternimmt.

Das Schöne ist: alle drei Formen von Netzwerkanalysen funktionieren. Aber warum sie dies tun, müssen wir jeweils im Einzelfall ergründen.

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