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Grenzobjekte, un/sichtbare Arbeit, Kooperation: Zur Kritik soziotechnischer Skripte in der Medienforschung

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Panel zur Jahrestagung der Gesellschaft für Medienwissenschaft, „Kritik!“,
FU Berlin, 1. Oktober 2017
10-12 Uhr, Raum A (L 115)

Nadine Taha (Siegen), Sebastian Gießmann (Siegen), Axel Volmar (Montreal/Siegen), Asko Lehmuskallio (Siegen/Tampere)

In seinem Beitrag „Has Critique Run Out of Steam?“ formuliert Bruno Latour ein Plädoyer für eine neue Form von Kritik in den Science and Technology Studies, in der anstelle einer epistemologischen Kritik der Objekte und Fakten eine Kritik der Dinge (im Sinne von Heideggers Bestimmung als „Ver-/Sammlungen“), und ihrer sozialen und politischen „issues“ zentral wird. Susan Leigh Stars Theorie des „Grenzobjekts“, mit der die politische Funktion von Objekten und deren Einbettung in technische Infrastrukturen und soziale Ordnungen herausstellbar ist, ermöglicht in besonderer Weise eine solche Kritik der Dinge. Das Panel nutzt diese Engführung, um der Frage nachzugehen, inwiefern insbesondere Medien als „Dinge“ bzw. Grenzobjekte angesehen werden können und welche Möglichkeiten von Medienkritik sich eröffnen, wenn man Medien im Sinne Stars als Anordnungen auffasst, die Formen der Kooperation ermöglichen und dabei selbst kooperativ verfertigt sind. Diese Sicht auf Medien lenkt den Blick von den Dingen oder Medien selbst auf deren Einbindung in soziale wie technische Protokolle, Klassifikationen, Standards und Infrastrukturen, kurz: auf ihre Einbettung in sichtbare und unsichtbare Arbeit.

Nadine Taha (Siegen): Susan Leigh Star: Grenzobjekte und Medienforschung

Die amerikanische Wissenschaftsforscherin und Techniksoziologin Susan Leigh Star bleibt für die Medienwissenschaft noch zu entdecken. So hat Leigh Star die vielleicht umfassendste sozial- und medientheoretische Kritik an der Akteur-Netzwerk-Theorie von Michel Callon und Bruno Latour vorgelegt, mit dem Grenzobjekt ein eigenes Vermittlungstheorem entwickelt, und selbst immer wieder ethische Fragen an die „unsichtbare Arbeit“ von medialen Infrastrukturen, Klassifikationssystemen und Standards artikuliert. Besonders deutlich wird dies in ihrem Verständnis von Marginalität, das nicht vordergründig von etwas Randständigem und Ausgeschlossenen handelt, sondern sich gerade für Vermittlungsprozesse “at the margin” interessiert. Ränder, Schwellen und Grenzen sind bei Susan Leigh Star Zonen der Vermittlung, an denen Akteure aus verschiedenen sozialen Welten aushandeln, welche Art von objektbezogener Vermittlung ihnen eine „Kooperation ohne Konsens“ ermöglicht. Leigh Stars empirische Theorie der Grenzobjekte und der Grenzinfrastrukturen, so die These, bietet der Medienwissenschaft die Chance, nicht nur verteilter Handlungsmacht, sondern den ihr zugrunde liegenden verteilten Medienpraktiken zwischen race, gender und class kritisch gerecht zu werden.

Nadine Taha, Dipl.-Medienwirtin, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am medienwissenschaftlichen Seminar der Universität Siegen (Medientheorie). Promotionsprojekt zum Labor der US-Industrieforschung als Entstehungsort von Medieninnovationen. Aktuelle Publikation: Susan Leigh Star. Grenzobjekte und Medienforschung, hg. mit Sebastian Gießmann, Bielefeld 2016 (im Erscheinen).

Sebastian Gießmann (Siegen): Science, Technology and Media Studies of Credit and Payment Practices – the Case of the Credit Card

Nichts ist leichter und nichts ist schwerer zu kritisieren als die Finanzwelt. Obwohl die Ethnologie stets die Vielfalt der alltäglichen Zahlungs- und Kreditsysteme betont hat, und aktuell die Blockchain-Technologie Fantasien einer Ökonomie jenseits staatlicher Geldgarantien weckt, bleibt der Alltag digitaler Zahlungssysteme fest in der Hand einiger weniger Akteure weltweit. Die soziotechnischen Skripte des digitalen Bezahlens sind seit den 1960er Jahren als geschlossene papier- und computerbasierte Vertrauenstechnologien entwickelt, und dabei stets eng an bestehende Zahlungsgewohnheiten gekoppelt worden. Kredit- und EC-Karten sind zu den offensichtlichsten Interaktionsobjekten solcher „special purpose infrastructures“ geworden. Mein Vortrag geht von der These aus, dass eine Kritik unserer karten- und kontobasierten Ökonomien des Bezahlens erst nach einer doppelten De-Skription (Madeleine Akrich) möglich wird. Sie gilt zum einen der Kartentechnologie und ihrer Standardisierung, und zum anderen ihrer Einbindung in ganz alltägliche sozioökonomische Plattformmärkte. Auch die Kreditkarte, so die Annahme, ist ein Medium der Kooperation. Eine Kritik ihrer politischen Ökonomie muss unsere alltäglichen Medienpraktiken in Rechnung stellen.

Dr. Sebastian Gießmann ist Leiter der Werkstatt Praxistheorie Geschichte und Ethnographie der kooperativen Medienpraktiken im SFB 1187 Medien der Kooperation, Universität Siegen. Habilitationsprojekt zur Mediengeschichte und politischen Ökonomie der Kreditkarte und des digitalen Bezahlens. Aktuelle Publikationen: Die Verbundenheit der Dinge. Eine Kulturgeschichte der Netze und Netzwerke. 2. Auflage, Berlin 2016.

Axel Volmar (Montreal/Siegen): Arbeitsmedium, Infrastruktur, Projektionsfläche: Die Videokonferenz als Medium der Kooperation

Im Fokus des Vortrags stehen Medien in Form infrastruktureller Lösungen zur Organisation und Koordination menschlicher Tätigkeiten, speziell von Arbeit. Medien erscheinen aus dieser Sicht als Kooperationsbedingungen, die selbst kooperativ verfertigt sind und damit sowohl auf der Ebene der Medienpraktiken als auch auf der Ebene ihrer Infrastrukturen „Versammlungen“ – von politischen und ökonomischen Zielen, sozialen Protokollen, kulturellen Visionen und gouvernementalen Phantasmen – darstellen und daher das Ergebnis von konkreten Aushandlungsprozessen und Machtverhältnissen widerspiegeln. Der Vortrag verdeutlicht die vielfältigen sozialen und technischen Ebenen medialer Kooperation sowie deren politische und ökonomische Dimensionen exemplarisch anhand des bisher kaum thematisierten Mediums der Videokonferenz. Die Praktiken der Videokonferenz (sowie der damit verbundene Industriezweig) stellen in dieser Hinsicht ein prädestiniertes „Grenzobjekt“ im Sinne Susan Leigh Stars dar, denn 1.) bildet die Videokonferenz als Medienpraxis das Symbol einer transnationaler Unternehmenskultur in einer globalisierten neoliberalen Welt, 2.) fungierte die Telekonferenz-Industrie historisch einen wesentlichen Motor für die Entwicklung digitaler Multimediastandards, Codecs und Dateiformate (wie etwa MPEG), und 3.) stellen Bild-Telefonie- und Videokonferenzanwendungen seit den 1960er Jahren Projektionsflächen für mediale Zukünfte, kapitalistischer Versprechen ökonomischen Fortschritts und Anreiz für den Verkauf von Bandbreite als Wirtschaftsgut dar. Der Vortrag wirbt durch diese Perspektive für eine vielschichtige Medienkritik, die sowohl die Ebene der Performanzen als auch der Infrastrukturen und Standards berücksichtigt.

Dr. Axel Volmar arbeitet als Mellon Post-Doctoral Fellow am Department für Art History & Communication Studies an der McGill University in Montreal. Aktuelle Publikationen: Klang-Experimente. Die auditive Kultur der Naturwissenschaften 1761–1961, Frankfurt am Main 2015; Von akustischen Medien zur auditiven Kultur. Zum Verhältnis von Medienwissenschaft und Sound Studies (hg. zus. mit Bettina Schlüter), aktuelles Themenheft der Navigationen. Zeitschrift für Medien- und Kulturwissenschaften, Jg. 15, Heft 2 (2015).

Asko Lehmuskallio (Siegen/Tampere): Everyday use of digital photo technologies: Notes on studying relational infrastructures

The everyday use of digital photo- and videotechnologies is increasingly encouraged, be it the sharing of photos and video clips on social media sites, accessing remote cameras installed in one’s home, summer cottage or work, or flying camera-equipped drones for purposes of leisure. The digitisation of these surface markings with light (Maynard) allows for their embedding in infrastructures that Susan Leigh Star has, with colleagues, worked to understand from a relational perspective, paying attention to embeddedness, transparency, reach or scope, among a variety of other properties. Due to this relational perspective, this approach thus necessarily multiplies the stakeholders and perspectives involved in descriptions of infrastructure, providing a need to rethink how we consider media practices and our methods for studying them. This question becomes increasingly important with the proliferation of businesses working to provide digital photo- and videotechnologies for everyday use according to ideals of ‘ubiquitous computing’, the ‘Internet of Things’, ‘ambient intelligence’, or as ‘smart devices,’ as devices that developers try to design to be embedded in existing infrastructures, fading in to the background (Weiser).

Dr. Asko Lehmuskallio ist Postdoktorand am DFG-Graduiertenkolleg Locating Media der Universität Siegen und Mitglied des COMET Research Centre, Universität Tampere. Dissertation zu Pictorial practices in a ‘cam era’. Studying non-professional camera use (Tampere, 2012). Aktuelles Forschungsprojekt zum Digitalen Gesicht in sozialen Medien.

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