Kleine Theologie des Netzes

Zum Jahrestreffen des Cusanuswerks, das sich 2016 „Netzwerke“ als Titel gegeben hat, durfte ich einen Vortrag beisteuern. Die Präsentation führte noch einmal durch die verschiedenen Schichten der Netzwerkgeschichte: vom textilen Objekt, über die Theologie des Netzes, retikulare Objekte, Infrastrukturen, soziale Netzwerke zu den aktuellen komplexen Netzwerken. Prämisse war dabei: Wir haben unsere Netzwerke, aber unsere Netzwerke verstricken uns auch. Und es gibt kein Netzwerk ohne Objekte und wechselseitige Gaben und Nicht-Gaben. Die ambivalente Qualität des Netzes, und speziell des Fischernetzes, hat das Christentum mit dem Neuen Testament erkannt und fortan gelebt.

Das Programmheft notiert:
„Die globalisierte Gegenwart hat das Netzwerken ohne Zweifel in einen hektischen Dauerzustand verwandelt. Gerade in den digitalen sozialen Netzwerken zählt der Augenblick, oft zum Preis einer Ersetzung der Vergangenheit – aber auch der Zukunft – durch ein getriebenes permanentes Jetzt. Negative Dynamiken und Überwachungsdystopien können sich ebenso schnell verdichten und beschleunigen wie positive Momente sozialer Verbundenheit. Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Netze der Netzwerke gewinnt man immer mehr den Eindruck, dass andere Kulturen als die gegenwärtige durchaus besser verstanden haben, wie ambivalent sozialer Zusammenhalt im Zeichen des Netzes ist.

Mein Vortrag folgt deshalb der kulturhistorischen und theologischen Dimension dieses Alltagsgegenstands, der von der Antike bis in den Barock gerade aufgrund seines zugleich verstrickenden und verbindenden Charakters zur kollektiven Sinnstiftung beitragen konnte: „Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen. Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg.“ (Matthäus 13,47-48)“

Fluctuating Networks, Un/stable Platforms, and the Internet of Things

So here is what I wrote as an abstract for a talk on April 14, 2015. It was hosted by the fabulous Digital Cultures Research Lab and took place at the Stadtarchiv of Lüneburg.

My talk is go­ing to pre­sent some preli­mi­na­ry thoughts on the no­ti­on of “boun­da­ry ob­jects” in di­gi­tal in­fra­struc­tu­res. I am going to reconsider the relation “networks” and “platforms” from a network historical and STS point of view. The “Internet of Things” is actually fairly old, if confronted with earlier special purpose digital networks. But how may we speculate already on its remediating qualities in terms of new objecthood, networked agencies, and platform regulations?

I always wanted to refurbish the slides which I had written with the LaTeX beamer class for a change. But now we have got  the audiovisual documentary – splendid. Huge thanks to all the great people at DCRL! (And I still have to rework the slides at some point).

DCRLecture: Sebastian Gießmann – Fluctuating Networks, Un/stable Platforms, And the Internet of Things from Centre for Digital Cultures on Vimeo.

Unternehmensstrukturen – Bilder unüberschaubarer Kooperation

Das 33. Bielefelder Fotosymposium zu „Strukturbildern“ ist zwar schon eine Weile her, aber die Videoaufzeichnung vom 8. November 2013 hatte ich noch nicht hier dokumentiert. Es geht um Fritz Nordsiecks „Die Schaubildliche Erfassung und Untersuchung der Betriebsorganisation“ aus dem Jahr 1932 und die grafischen Planungsmethoden der Netzplantechnik bzw. „Network Operations Method“, die nach dem 2. Weltkrieg erfunden werden. Und es geht um Schaubilder als Medien der wirtschaftlichen Koordination und Kooperation, die als Pläne situiertes Handeln strukturieren sollen.

Wissenszukünfte und Wissensnetzwerke – von der Gelehrtenrepublik zur Gemeingüterbewegung

Auf dem 75. Südwestdeutschen Archivtag habe ich am 18. Juni die Eröffnungskeynote halten dürfen. Der Vortrag fragt nach der kooperativen Verfassung des Wissens, seiner infrastrukturellen Speicherung und sozialen Zirkulation. Ausgangspunkt sind die epistemischen Werte der Gelehrtenrepublik, darunter die sukzessive Entdeckung und Hervorbringung von „Netzwerken“ in Buch- und Briefkultur, Anatomie und Naturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts.
In einem zweiten Schritt widme ich mich den akademischen Idealen des kooperativen Teilens von Ressourcen, die für die Nutzung des ARPANETs und den Aufstieg des World Wide Webs und der Wikipedia maßgeblich waren. Demgegenüber steht die neueste Entwicklung der digital-vernetzten Medien – mit ihrer Dauerkontrolle und wirtschaftlich dominanten Diensten – in einem scharfen Kontrast zu den dezentralen Werten wissenschaftlicher Zusammenarbeit. Auch die digitale Gemeingüterbewegung ist nach anfänglich großen Erfolgen in eine prekäre Lage geraten. Wie können und sollen wir unter den ökonomischen Bedingungen einer Plattformgesellschaft das geteilte Wissen organisieren?

Credit Card Mobilities

The Swiss Federal Archives have been publishing a video documentation of their „ICT@Admin“ conference. I had the privilege of being a part of this, so I include the video and abstract of my talk here. A complete documentation is also online, and the overall YouTube playlist is highly recommended.

CREDIT CARD MOBILITIES (Sebastian Gießmann, Siegen, March 26 2015)

The talk sketches out a praxeological history of the credit card, with an emphasis on its mediating qualities and operational status within bureaucratical frameworks. Temporal borrowing via credit card is regarded as a highly dynamic social technology that produces emergent topologies through distributed mobile payments. The formative years of the American credit card (1950-1975) are analyzed along with approaches from ethnomethodology (Harold Garfinkel) and actor network theory (Michel Callon). Cooperative media practices are key to understanding the relation between the administrative handling of „accounts“ and emerging social networks. This includes (1) Dining, traveling, and charging, (2) Accounting for trust and credit, (3) Mass mailing and advertising new ways of payment, (4) Building „co-opetitive“ platforms for networks and (5), the digital momentum of credit cards as immutable mobiles.

 

Vier Thesen zur Plattformgesellschaft (1)

Michael Seemann und ich haben im Vorfeld der re:publica 2015 in Köln und Berlin, online und offline intensiv diskutiert: Gibt es so etwas wie die Plattformgesellschaft schon? Im „Neuen Spiel“ geht es bereits um den Aufstieg der Plattformen, wie man in Kapitel 4 und 6 nachlesen kann. Und sowohl in den Science and Technology Studies als auch in der Medienwissenschaft wird schon seit einigen Jahren über Plattformen als neue Organisationsform und Ort der Verbindung von vielen mit vielen nachgedacht, also über Interaktion im Modus many-to-many. Ich selber bin durch meine Forschung zur Geschichte der Kreditkarte auf Plattformökonomien und die Schaffung zweiseitiger Plattformmärkte gestoßen, dazu kommt ein medientheoretisches Interesse.

Aus unseren Diskussionen heraus haben wir in unserem re:publica-Vortrag „Von der Netzwerk- zur Plattformgesellschaft“ vier Thesen entwickelt. Hier die Übersicht dazu:

  1. Plattformen sind Selektionsprozesse.
    Die Plattformgesellschaft wird getrieben von den Netzwerkeffekten potentieller Selektionen. [unser Beispiel dazu: die Geschichte der Telefonvermittlung]
  2. Plattformen setzen Standards.
    Die Plattformgesellschaft beruht auf Plattformökonomien, die Vertrauen, Kontrolle und Standardisierung miteinander kombinieren. [unser Beispiel dazu: die Geschichte der Kreditkarte]
  3. Plattformen sind Kooperationsbedingungen.
    Die Plattformgesellschaft braucht Plattformen, um Kooperation zu organisieren. Generativität wird eingeschränkt, bleibt aber bei zentralen und dezentralen Plattformen möglich. [unser Beispiel dazu: Apple vs. Linux]
  4. Plattformen reduzieren Selektionsoptionen.
    Die Plattformgesellschaft organisiert sich über sich zunehmend ausdifferenzierende und einander nicht rivalisierende Plattformen. [unser Beispiel dazu: die Entwicklung der Social Media]

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